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Jetzt musst du Gas geben!

  • Autorenbild: Rigotti Karin
    Rigotti Karin
  • 21. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Bildungsentscheidungen für 10jährige


Eltern von Kindern im Alter der 4.VS fühlen sich gerade etwas gestresst, nicht wahr? Die Tage der Offenen Tür der Wunschschulen wurden allesamt besucht, viele Gespräche daheim fanden statt, das Feedback der Klassenlehrerin beim KEL-Gespräch erfragt, vielleicht wurde sogar ein Profi zu Rate gezogen: welche Schule ist die beste für mein Kind? Wie werden die nächsten Jahre aussehen? Was will ich eigentlich für mein Kind?


Wenn diese Fragen geklärt sind - berücksichtigt werden meistens sowohl inhaltliche Schwerpunkte, Regionalität bzw. Verkehrsanbindung , eventuell Nachmittagsbetreuung/Hort, vielleicht auch die Entscheidungen des engen Freundeskreises - dann taucht die nächste Frage auf: wie sicher ist dieser Schulplatz für uns?


Die Volksschule als Gesamtschule erlaubte wenig Individualisierung im Ausbildungswunsch. Die Schule in der Nähe ist ok und alle gehen dorthin. Keine Optionen, kein Entscheidungsdruck.

Ab dem Übertritt in Mittelschule oder Gymnasium darf man auf Schwerpunktsetzungen der Schulen vertrauen und auch talenteorientiert entscheiden. Schön und gleichzeitig enorm druckfördernd für diese sehr junge Zielgruppe: du brauchst gute Noten! Die Schularbeit kommt! Wie lautet die Empfehlung deiner VS-Lehrerin? Sind unsere Entscheidungen deckungsgleich? Was musst du noch leisten, um das benötigte Zeugnis zu bekommen? Gibt es Aufnahmeprüfungen?


Man stelle sich vor: du bist 10 Jahre alt, deine Wunschschule gefällt dir, weil es am Tag der Offenen Tür wirklich lustig war. Der Turnsaal war so groß! Ja, da willst du hin!

Aber dann gibt es neuerdings Schularbeiten - also tagesverfassungsabhängige Leistungsüberprüfungen unter Zeitdruck: das ist neu. Das ist anstrengend. Und du bist immer noch 10 Jahre alt.

Das System fordert von "bildungsaffinen" Sprößlingen sehr früh, dem Druck standzuhalten und Leistung abrufbereit erbringen zu können. Ist das denn wirklich kindgerecht? Ist das noch zeitgerecht? Nein. Aber es ist die Realität. Eine Realität, die so junge Kinder auch manchmal krank machen kann, weil sie gefallen möchten, genug sein möchten, stolze Eltern glücklich machen wollen oder einfach nur im "großen Turnsaal" spielen können wollen. Der Perspektivenwechsel ist wichtig, um das Kind in der Drucksituation auch kindgerecht zu behandeln.


Wie kann man sein so junges Kind gesund durch diese Umbruchzeit begleiten?

Zeigen Sie Ihrem Kind, dass es gut genug ist, dass es immer Optionen gibt, dass es einen eigenen Weg gehen darf und dass Bemühen immer gesehen wird - auch wenn es sich nicht im Notenbild zeigt. Und wenn doch, dann ist das großartig, aber nicht nur das alleine wichtig.

Begleiten Sie Ihr Kind lernorganisatorisch: am Kalender sind nicht nur die anstrengenden Termine, sondern auch der Kinobesuch oder der Skitag eingetragen. Wie lernt man denn überhaupt, was ist wichtig? Früh genug wird ans Lernen erinnert und auch das begleitet. Stützen Sie, ohne einzuengen, aber seien Sie erreichbar für Fragen und Hilfestellungen.


Und wenn von der Wunschschule eine Absage kommt? Dann ist das so. Dann wird die zweite Wahl vielleicht die bessere Wahl. Oder es ergibt sich eine ganz andere Lösung. Mit 10 Jahren ist so vieles noch offen - vor allem aber der Umgang mit Frustrationserlebnissen.

Übrigens: es gibt keine Fails, es gibt nur Learnings. Diese Prämisse gilt, sobald man Druck ausgesetzt ist - und das ist ja hier eindeutig der Fall, auch wenn die Kinder noch so jung sind.

"Du hast alles gegeben!" führt zum Neugierigmachen auf "die andere Schule", eine weitere kleine Welt wird vom Kind entdeckt. Das Kind reagiert, wie die Eltern es vorleben. Man kann ja auch einen Kuchen essen, auf dem steht "Wir sind stolz auf dich", wenn es doch nicht das Gymnasium wird, oder?

Kommt die Zusage, feiern Sie auch das: und geben Sie Ihrem Kind dennoch mit, dass es im Leben immer viele Optionen hat. "Die Schule schickt eine Zusage. Bist du noch sicher, dass das deine Traumschule ist oder wollen wir noch mal drüber reden?"


Das System behandelt so junge Kinder wenig kindgerecht. Fördern Sie also nicht nur das reine Lernen für die Schularbeiten. Denken Sie bitte daran, dass jetzt familienintern auch die Grundlage gelegt wird, wie Ihr Kind die zukünftige Bildungsbiografie schreiben lernt:

"Ich habe viele Möglichkeiten, es ist immer meine Entscheidung. Es gibt immer noch eine Möglichkeit für mich. Wichtig ist, dass es mir gut geht." - So bauen Sie - ebenfalls schon sehr früh - die Basis für Frustrationstoleranz, Autonomiedenken, Selbstwirksamkeit, Resilienz und viele andere Kompetenzen auf, welche die nächsten Jahre noch weiterentwickelt werden. Kompetenzen, die übrigens gemäß den aktuellen Umfragen zu Zukunftskompetenzen als wichtiger gewertet werden, als das reine Lernen selbst. Wissen ist überall verfügbar, Selbstkompetenz nicht immer vorhanden.

Zu viele Themen, zu früh bedacht, zu weit hergeholt? Absolut nein. Die Zahlen der Ausbildungsabbrecher:innen steigen. Viele tolle Jugendliche, die all dies nicht gelernt haben und sich verweigern, bevor sie zerbrechen. Ich bin absolut der Meinung, dass man mit Prävention nie früh genug starten kann. Also: welcher Schriftzug steht auf Ihrer Torte?



 
 
 

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