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Das eigene Kind als Projekt: Ziel erreicht?

  • Autorenbild: Rigotti Karin
    Rigotti Karin
  • 18. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

 

Ich arbeite seit circa 20 Jahren als Lerntherapeutin – begonnen habe ich zu unterrichten, um mein eigenes Studium zu finanzieren. Als ich sah, mit welchen Problemen die Kinder und Jugendlichen kämpfen, war es für mich damals eine logische Konsequenz mich in den notwendigen Bereichen weiterzubilden. Das war nie mein Hauptberuf, aber immerhin bereichernd genug, so lange dabei zu bleiben und mich auf immer mehr Themen einzulassen, die im Magisterstudium der Pädagogik oft nicht mal minimal berücksichtigt gewesen waren.


Folgeprobleme des Schulmisserfolgs

Vor allem war so schnell so offensichtlich, welche Folgeprobleme die Schüler:innen zu bewältigen haben: Mangel an Selbstwert, Angst vor dem Lernen und vor allem vor Lernkontrollen jeglicher Art, Konflikte mit den Eltern wegen angeblicher Motivationsfreiheit, Angst vor dem Schulalltag und der Zukunft – alles Probleme, die nicht notwendigerweise das junge Leben bestimmen müssen und sehr häufig nicht mal in Worte gefasst werden können. So viele Themen, die so leicht und so unkompliziert aufgelöst werden können.


Wenn Eltern selbst Angst haben, können sie nicht stärken

Erlebt habe ich in dem Kontext schon viel. Als pädagogische Leitung eines privaten Bildungsanbieters war es u.a. meine Aufgabe, die Erstgespräche zu führen. Ein Gespräch, das ich nie vergessen werde:  beide Elternteile samt Kind (16 Jahre alt) waren in Tränen aufgelöst. Warum? Weil die Perspektivenlosigkeit die ganze Familie überrannt hat, weil „alles“ zu viel und zu schwer war und auch die Beziehungen darunter litten. Sie meinen, das ist übertrieben? Dann kommen Sie wahrscheinlich aus einem bildungsaffinen Elternhaus, in dem über alles gesprochen wird und es immer eine Lösung gibt. Nun ja, es gibt auch Familien, die diese Lösungsorientierung nicht kennen – und derer gibt es viele. Es gibt auch Eltern, die muss man vor dem Gespräch mit dem Unterrichtenden stärken, weil sie selbst nie im Gymnasium waren und sich immer noch minderwertig fühlen. Völlig zu unrecht, aber das muss ich hier hoffentlich nicht ausführen. Es gibt auch nicht wenige Erwachsene, deren eigene schlechte Erfahrungen im Bildungssystem so stark prägten, dass ein positiver Zugang zu „Schule“ auch bei größter Liebe zum eigenen Kind nicht möglich ist. Angst sitzt oft tief.


Die Neudefinition "Projekt Kind"

Und dann gibt es auch jene Familien, in denen das eigene Kind zum Projekt wird. Fast möchte ich sagen: degradiert wird. Wo alles Mühsame an Nachhilfelehrer:innen, Therapeuten und Sportbeauftragte delegiert wird. Wo Qualitytime bedeutet, dass man für das Außen die perfekte Familie präsentiert, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Manchmal sind die Kinder noch sehr jung und wenn sie dann nicht die gewünschte Leistung erbringen, dann bekommen sie das zu spüren: "Du bist nicht genug."

Aber kurz zurück zur Aufgabe als Lerntherapeutin. Ich bin geduldig und kompetent, empathisch und stärkend. Aber manchmal will ich einfach nicht verstehen. Wenn Eltern vergessen, warum sie Eltern sind. Wenn sie sich mit ihren Kindern nur beschäftigen, weil ich ihnen erkläre, dass auch Mikado, Blokus oder 4-gewinnt lerntherapeutisch eingesetzt werden können. Denn damit werden sowohl Räumliche Wahrnehmung als Teilleistung, als auch Strategieentwicklung und bei kleinen Kindern auch das Mengenverstehen geschult. Die Konzentrationsfähigkeit wird auch trainiert. Bäng – das Argument, sich mit dem Kind hinzusetzen und zu spielen: der lerntherapeutische Ansatz wird angenommen.

Wer nicht angenommen wird: das eigene Kind. Und ich frage mich dann immer öfter, ob es so sein muss in dieser Gesellschaft. Dass schon so junge Kinder nur über ihre Leistung definiert werden. Dass Zeit so kostbar ist, dass sie dem eigenen Kind nur geschenkt wird, wenn ein definiertes Ziel in Aussicht gestellt ist. Dass das Spiel so an seiner Faszination und Freude verloren hat, dass es nur als lerntherapeutische Empfehlung Raum findet. Dass stärkende Gespräche oder Erfahrungsaustausche nur stattfinden, wenn der Jahreserfolg der Jugendlichen gefährdet ist. Dass Ressourcenwahrnehmung der reinen Defizitdeklaration gewichen ist.


Ressourcenwahrnehmung weicht der Defizitdeklaration

Ich hoffe ja, dass ich berufsbedingt diese selektierte Wahrnehmung habe und dass meine Erfahrung mich täuscht oder ich an müden Tagen (so wie heute) besonders filtere. Oder werden es tatsächlich immer mehr Eltern, die die Zeit mit ihren Kindern nicht gerne verbringen, sondern nur, um das Projektziel zu erreichen?

Wie ist es bei Ihnen – läuft das „Projekt Kind“ reibungsfrei oder haben Sie auch authentische Gespräche und vielleicht sogar ein bisserl Spaß beim gemeinsamen Spiel?



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