Jede zweite Lehrkraft in Österreich ist psychisch belastet
- Karin Rigotti

- 7. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Jetzt sprechen wir auch über die Belastung der Lehrkräfte? Aber nur bis Dienstag!

"Die Online-Umfrage der School of Education der Johannes-Kepler-Universität Linz und des Österreichischen Bundesverlags wurde veröffentlicht, an der österreichweit mehr als 2000 Lehrkräfte aller Schulformen teilgenommen haben", so der Standard. Die Studienergebnisse werden komprimiert geschildert: belastete Lehrerschaft, aufgeschlüsselte Einzelfaktoren und auch die hoffentlich wenig überraschende Motivationspermanenz sind übersichtlich beschrieben.
Anzumerken ist, dass schon im Herbst 2025 der Wunsch nach Systemunterstützung veröffentlicht wurde: Ebenfalls im Standard publiziert, "94 Prozent der Lehrer wünschen sich psychologische Begleitung im Schulalltag", damals gestützt auf die Ergebnisse der Befragung im Zuge der Mental Health Days.
Auch laut dem letzten Artikel auf schule.at, in dem es um die besonderen Stressfaktoren der Lehrerschaft geht, gibt es eine Art Wunschliste. Was steht wohl ganz oben auf dieser Umsetzungsliste für pädagogische Feen - oder ausführende Verantwortliche? Richtig: Die Lehrerschaft wünscht sich professionelle Unterstützung, zudem weniger Bürokratie und mehr Wertschätzung.
Die Wertschätzung könnte man ja schnell spürbarer machen, so ist zum Beispiel eine "Vereinfachung des komplexen Systems" vorgesehen, damit Junglehrer:innen nicht monatelang auf ihre Realeinstufung warten müssen. Denn das Training der individuellen Frustrationstoleranz beginnt im Öffentlichen Dienst früh, nämlich mit dem motiviertem Start ohne Dienstvertrag oder das fehlende Wissen um das Realgehalt. Die allgemeine Wertschätzung zu ändern, wird nach jahrzehntelangem Bashing wohl etwas schwieriger werden. Die Motivation, diese gesellschaftlich so wichtige Berufsgruppe respektvoller zu behandeln, endet wohl auch "am Dienstag zu Mittag" (Gedächtniszitat).
Die Reduktion der Bürokratie ist ein anderes Thema: ebenso in Bearbeitung und sogar per ministerial angebotenem Tracker identifizierbar. In Erwartung: die getrackten Reflexionen der Schulleiter:innen.
Widmen wir uns nun etwas ausführlicher dem wiederholt geäußerten Wunsch nach professioneller Hilfe.
Selbstverständlich gibt es neben ADHS, Autismus, hohem Migrationsanteil et.al. auch andere Herausforderungen an Österreichs Schulen. Mit Kindern und Jugendlichen im schulischen Setting qualitativ hochwertig zu arbeiten, braucht Fachwissen, angepasste Rahmenbedingungen, Energie und Engagement: Unterstützung ist also sinnvoll und ein wunderbarer Hebel mit breiter Wirkung. Vor allem auch, weil die Kinder und Jugendlichen (alle, nicht nur neurodivergente Jungmenschen!) von vielen Lehrer:innen wie folgt eingeschätzt werden: "Rund die Hälfte der Lehrkräfte glaubt, dass mindestens 40 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler psychisch belastet sind. Ein Drittel spricht sogar von 60 Prozent."(Sic!)
Diese Einschätzung einer so großen Anzahl belasteter Schüler:innen möchte ich ganz kurz mit Zahlen und bereits erfolgten Empfehlungen untermauern:
Laut dem Update der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie wurde schon 2018 (!) darauf hingewiesen, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eine der häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sei. "Um den Betroffenen Erfolgserlebnisse und eine entsprechende positive Entwicklung" zu ermöglichen, wurden u.a. folgende Faktoren als essentiell empfohlen: "Spezielle Schulsettings (Einzelsitzplätze, reizarme Umgebung, geschultes Lehrpersonal)".
Nun wird - sehr überraschend - davon berichtet, dass "Mehr als 75 Prozent der Sonderschullehrkräfte sich psychisch belastet fühlen"(siehe verlinkte Studie). Interessant wäre nun zu wissen, wie themenspezifisch sich die Lehrerschaft durch das Studium vorbereitet fühlt - natürlich auch auf Herausforderungen wie Autismus, da der Dachverband der Österreichischen Autistenhilfe "in Österreich etwa 48.500 Kinder betroffen" sieht, "ca. 13.600 davon von frühkindlichem Autismus". Wer den Unterschied kennt, der hebe die Hand!
Zurück zur Forderung nach systemischer Hilfe: Unterstützung für Lehrer:innen wirkt sich direkt auf die kindliche/jugendliche Zielgruppe aus. Das wäre ja quasi eine Win-Win-Situation. Gibt es denn zeitnahe Lösungen?
Wir freuen uns über Initiativen wie die des Österreichischen Zentrums psychologischer Gesundheitsförderung im Schulbereich und dass aktuell Personal rekrutiert wird: Von Psychotherapie bis Theaterpädagogik wird ein breites Arbeitsfeld angeboten, die Lebenswelt Schule freut sich über jedes neue Stützmitglied und wir sind alle gespannt auf die ersten Evaluationen und Erfahrungsberichte.
Immer noch wichtig zu erwähnen ist die klassische Unterstützung für einzelne Lehrpersonen in Form von Supervision. Hierbei handelt es sich um kein Novum, Supervision kann übrigens immer noch steuerlich abgesetzt und auch an den Pädagogischen Hochschulen konsumiert werden.
Fassen wir also kurz zusammen: Belastungen bei allen Mitmenschen in der Lebenswelt Schule werden in mehreren Medien nach verschiedenen Studien regelmäßig aufgezeigt und somit neben der Politik auch der Bevölkerung regelmäßig mitgeteilt. An der Wertschätzung arbeiten wir ab sofort gemeinsam, die Bürokratiereduktion wird per Tracker verfolgt und die mehrfach eingeforderte erweiterte psychologische Unterstützung wird gerade implementiert.
Voilá: die Wunschliste ist abgearbeitet, das nächste Schuljahr darf kommen.
Aber nein: Zuerst freuen wir uns alle auf die Sommerferien und präferieren mal kurz die Veröffentlichung der Katholischen Kirche, denn ""Wir sehen erstmals seit Jahren eine messbare Zunahme der Lebenszufriedenheit", so der Studienautor Thomas Dienlin von der Universität Zürich.
Insgesamt gibt es also gute (Schul-)Nachrichten! Oder sehen Sie das anders?



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