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Ich schaff das - aber wie?

  • Autorenbild: Rigotti Karin
    Rigotti Karin
  • 10. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Dropout bei Lehrlingen - uns geht´s doch eh gut?!



Für Schüler:innen ist gerade die Zeit der Elternsprechtage: meistens eine stressige Zeit, denn kurz zuvor gibt´s überall Tests und PLFs/SA. Schließlich muss man ja ein Leistungsprofil präsentieren können.

Lehrlinge müssen alles im schnelleren Tempo erledigen: 10-Wochen-Turni, in denen das fachtheoretische Wissen vermittelt und aufgenommen werden soll, nach 5 Wochen schon das erste Zwischenzeugnis. Gerade für Lehrlinge im 1. Jahr ist das eine sehr ungewohnte Geschwindigkeit:

Sie kommen aus dem Betrieb, in dem sie sich - hoffentlich - wohl fühlen und gerade ins Team gefunden haben. Eigene Regeln, eigene Strukturen: praktische Arbeit eben. Die Gründe, warum Lehrlinge sich für die Lehre und gegen die weitere Schullaufbahn entscheiden, werden meist ganz klar genannt: "Ich wollte raus aus der Schule und anpacken können." - "Ich wollte mein eigenes Geld verdienen und nicht nur herumsitzen."

Die 10 Wochen Fachberufsschule gehören zum Package der praxisorientierten Ausbildung - aber die Challenges aus der Schulzeit blieben in der Schultasche. Lernstrategieentwicklung? Zeitmanagement? Fehleranalysen? - Darum hat man sich kaum mehr gekümmert, schließlich hat man ja einen guten Betrieb gefunden.

Dann: erster Turnus. Wofür man im Regelschulsystem den ganzen Herbst Zeit hat, nämlich die Unterrichtenden kennenzulernen und einschätzen zu können, wo welche Leistung für die gewollte Note notwendig ist, sich an den neuen Rhythmus und die neuen Tagesabläufe gewöhnen - das alles muss in der FBS schnell erledigt werden. Nach 5 Wochen wird der erste Zwischenstand an den Betrieb und die Eltern rückgemeldet.

Meistens ist es bei unbefriedigender Leistung dann so: "Lern!" spricht der Ausbilder mit höherer Erwartungshaltung als der genügenden. "Kind, lern doch einfach!" reagieren die Eltern. "Lern endlich was!" fassen oft auch die FBS-Lehrer zusammen.

Und der Lehrling? Ist oft verzweifelt, von einer wenig motivierenden Schullaufbahn vor der Lehre geprägt und jetzt schlichtweg verzweifelt: es wird gelernt, aber falsch oder zu wenig.

Warum ich diesen Text hier verfasse? Weil "Gut ein Fünftel (22,3 %) der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im

Alter von 15 bis 34 Jahren laut Statistik Austria Ausbildungen im Rahmen des Schul-

und Hochschulwesens oder eine Lehrausbildung abgebrochen hat", wobei "Die Lehre abgebrochen oder einen anderen Lehrberuf gewählt hat dabei ein Fünftel (20,1 %) aller Abbrecher:innen." Die Gründe sind sicherlich differenzierter zu betrachten, sehr knapp zusammengefasst waren aber falsche Vorstellungen vom Beruf und zu schwierige Ausbildungen die meistgenannten Gründe.

Wir alle wissen, dass es zur Herausforderung geworden ist, motivierte Lehrlinge zu finden: wieso sie also nicht bei der Umstellung zum veränderten Schultyp unterstützen? Die Motivation in diesem Beitrag liegt also hier:


  • Lehrlinge sind in der FBS mit einer für sie völlig neuen Lernsituation konfrontiert

  • diese Jugendlichen sind in die Lehre gegangen, gerade weil sie nicht täglich die Schulbank drücken wollen - die fachtheoretische Ausbildung ist meist nicht der begehrteste und entspannteste Anteil der Ausbildung für sie

  • wer Herausforderungen hat und dann von drei Seiten (Eltern, Ausbilder, Lehrer) nur ein "Lern mehr!" aber kein "Ich zeig dir gerne, wie!" hört, bleibt verzweifelt und fühlt sich der Situation ausgeliefert.


Wichtig noch: bitte übersehen Sie nicht, dass Lehrlinge mit Migrationshintergrund oft die doppelte Lerninvestition tätigen - auch wenn sich das im Notenbild nicht zeigt. Viele Jugendliche übersetzen den zu lernenden Text zuerst in die Muttersprache, um Zusammenhänge herzustellen und zu begreifen, um dann erst den deutschen Inhalt auswendig zu lernen. Hatten Sie daran schon gedacht? Viele, viele Jugendliche ohne sprachliche Unterstützung lernen so alleine - und bekommen dafür sehr wenig Anerkennung.

Wenn Sie sich also die Zeit genommen haben, dies zu lesen und einen Lehrling in Ihrem Betrieb oder Ihrem Umfeld haben: fragen Sie nach, wie es läuft und ob Hilfestellung gewün

scht ist. Ganz so einfach, wie man denkt - vielleicht aus verklärter Erinnerung an die eigene Lehrzeit - ist es doch nicht immer. Sonst gäbe es ja nicht 14-20% Dropoutquote (je nach Jahr und Definition), auch nachzulesen bei Statista. Um einen beruhigenden Fakt dazulassen: in England sind es 40 - 47% Auszubildender, die den Betrieb ohne Abschluss verlassen. Da geht´s uns ja noch richtig gut, oder?

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